14.06.2017

von B° RB

Das innere Wesen

Festspiele Gut Immling: Einblicke in die Arbeit der Kostümbildnerin Kerstin Rossbander

Kerstin Rossbander, die Kostümbildnerin der Verdi-Inszenierung "Die sizilianische Vesper"

Dresden, 1985. In einem großen Ballsaal präsentieren viele Künstler der DDR unter dem Titel „Multimedia“ gemeinsam eine Werkschau ihrer künstlerischen Schöpfungen. Von der Empore hängen Faltrollos aus Papier, die mit Malereien und Gedichten verziert sind und das Geschehen im Saal visuell untermalen, das von Freejazz-Performances über Lyrik bis hin zu modernen abstrakten Tänzen reicht.

Auch eine junge Modedesignerin namens Kerstin Rossbander nimmt teil, um mit ihrer ersten Modenschau ihr kreatives Schaffen vorzustellen. „Das war ein prägender Tag für mich, da auch ein Regisseur vor Ort war. Er hat mich entdeckt und wünschte sich die Art und den freien Geist meiner Kollektion für seine Inszenierung von Shakespeares `Der eingebildete Kranke`“, erzählt sie in Erinnerung an die Zeit, bevor sie nach West-Berlin übergesiedelt ist. Auch dort kommt sie nicht von der Bühnenkunst los, arbeitet lange als Kostümbildnerin in verschiedenen Genres, von Schauspiel und Oper über Ballett und Musical bis hin zum Film. Irgendwann beschließt sie, die Theaterwelt gegen die „innere Bühne“ zu tauschen und sich als mediale Lebensberaterin neuen Ufern zuzuwenden. „Auch hier geht es sehr stark um schöpferische Kreativität. Wenn ein Mensch die Summe aus seiner Vergangenheit, seinem Derzeitigen und seiner Zukunft so betrachtet, dass er dabei immer das Herz offen hält und sich nicht verstellt, kann dies immer neue Blickwinkel eröffnen“.

Seit einem Jahr nun lebt Kerstin Rossbander am Chiemsee und kehrt damit nach einer längeren Pause von der Theaterbühne zu ihren kreativen Wurzeln zurück - als Kostümbildnerin der Verdi-Inszenierung „Die sizilianische Vesper“. „Ich liebe das Genre der Oper. Einerseits aufgrund des großen Pathos, der Musik und der großartigen Stimmen, andererseits aber gerade auch wegen der großen Freiräume im Kostümwesen, wo man verschiedenste Einflüsse und Ideen miteinander in Bezug setzen kann.“ 

Umbrüche im Leben eines Menschen könnten das eigene Wirken mit der Freiheit verbinden und völlig neue Potenziale eröffnen, erzählt sie. Gedanken, die sich direkt auf die in Kürze anstehende Opernpremiere übertragen lassen. „Verdis Oper beschäftigt sich intensiv mit der Entscheidungsfreiheit zwischen zwei Alternativen und deren Gleichzeitigkeit: Liebe - Hass, Akzeptanz - Intoleranz oder Respekt - Verrat. Dies spiegelt sich auch in den Figuren und dementsprechend in ihren Kostümen wider“, erklärt Kerstin Rossbander. 

Etwa in Form von Arrigo, der in der Inszenierung von Stefano Simone Pintor als junger Künstler gezeigt wird. Eine Figur, die sich der Zuneigung zu Elena und der Verbundenheit zum unterdrückten Vaterland einerseits und der Hassliebe zum wiederentdeckten Vater, Sinnbild des Schreckensregimes andererseits stellt. Kerstin Rossbander nimmt ihn als den selbständigsten und unabhängigsten Protagonisten in Verdis Oper wahr - dementsprechend wird auch seine Kleidung unangepasst eine Sehnsucht nach Freiheit und Weite ausdrücken. „Wenn man das Libretto liest, finde ich es erstaunlich, dass sich ein junger Sizilianer an eine österreichische Herzogin heranwagt, um sie zu lieben. Dass er sich überhaupt so frei fühlt, ihr entsprechen zu können, zeigt, dass er frei ist von kulturellen oder nationalen Barrieren und das Herz sprechen lässt.“ 

Gerade diese Eigenständigkeit und Authentizität seien es, die in einer Frau wie Elena das Interesse an Arrigo erwecken. Dennoch geht es ihr im Verlauf der Handlung zunächst nicht um ihr eigenes Glück, sondern um Rache an Monforte und seinen französischen Soldaten für den Tod ihres Bruders. Das Verharren in Trauer möchte sie nicht offen zeigen, sondern mit ihrer Pracht und Eleganz dem vielmehr entgegentreten - für Kerstin Rossbander ist Elena eine starke Persönlichkeit, die als letzte verbleibende Institution eines untergegangen Regimes dessen Anmut nach außen hin vermitteln möchte. 

Damit stellt sie gewissermaßen einen Gegenentwurf zum französischen Gouverneur Monforte dar. Zwar als Diktator präsent, ist er innerhalb des Inszenierungskonzepts doch nur eine müde Hülle seiner selbst, die sich hinter der verschlossenen Bekleidung und Art seines Ausdrucks nach der neu entdeckten Verbindung zu Sohn Arrigo sehnt. Nur im Privaten ist er wirklich zu Hause und öffnet die Tür zu seiner Gefühlswelt - einer einsamen Ödnis aufgrund verpasster Liebe, die durch Macht und Statussymbole nicht zu erreichen ist. 

„Machmal kann es die Geduld sein, eine Sache anzunehmen und wieder aus einem neuen Blickwinkel zu sehen. Hierin sehe ich die große Herausforderung für die handelnden Personen in Verdis Werk: Sich nicht dem Hass und dem Krieg hinzugeben, sondern auf ihre inneren Stimmen zu hören. Eine sehr aktuelle Thematik, die sich ja auch in dem diesjährigen Motto der Festspiele Immling, Make Opera Not War, ausdrückt“, so Kerstin Rossbander. 

Die Premiere von Giuseppe Verdis „Die sizilianische Vesper“ eröffnet am Samstag, 17. Juni die Festspiele Immling (17. Juni bis 13. August 2017). Den Spielplan und Tickets gibt es unter immling.de und telefonisch unter 08055 9034-0.

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