Obst- und Kulturweg Ratzinger Höhe am Chiemsee


Der Obst- und Kultur-Wanderweg Ratzinger Höhe

soll dazu beitragen, dass Dorf- und Landschaftsbestandteile erkannt und erhalten werden.

Der alte bäuerliche Obstgarten ist Eingrünung von Hof und Dorf, Nebenerwerb für den Landwirt, Lebensraum für Tiere und Pflanzen.
Entlang des Weges wurden viele verschiedene Obstsorten gepflanzt zum Kennenlernen der Frucht, zum Schneiden von Edelreisern, zum Vergleichen der Standortansprüche, zum Erhalten der Sorten.
Kulturdenkmäler wie Kirchen, Kapellen und Feldkreuze geben Zeugnis von Glauben und Brauchtum in der Bevölkerung.
Strecken- und Zeitaufwand: südliche Schleife: 9 km 2 1/2 Std., nördliche Schleife: 8 km 2 1/2 Std.
Höhenunterschiede: Prien: 540 m, Ratzinger Höhe: 690 m, Letten: 480 m

Wir beginnen unseren Weg in der um 1158 gegründeten Marktgemeinde Prien mit ihrer bedeutenden, vom Münchner Hofkünstler Johann Baptist Zimmermann ausgestatteten Rokokokirche (1738).
Unser Weg führt vom nördlichen Ortsausgang entlang der Prien durch das Eichental mit seinem parkähnlichen hundertjährigen Baumbestand an Buchen und Eichen.
Nach Überqueren der Prien öffnet sich der Blick zur Wallfahrtskirche St. Salvator, die im Hochmittelalter entstand. Die heutige Kirche stammt aus dem 15. Jahrhundert, das Gnadenbild des leidenden Heilands aus der Zeit um 1600.

Jenseits der Hauptstraße stoßen wir auf den 1985 mit dem Winzerverein Randersacker angelegten Weingarten. Der alte Flurname "Weinberg" belegt, daß hier bis ins Mittelalter Wein angebaut wurde.
Fünf Rebsorten werden hinsichtlich Ertrag, Klimaeignung und Widerstandskraft erprobt.
Das Bildstöckl ist St. Urban, dem Schutzpatron der Winzer geweiht (1991).
Vorbei an der Wasserreserve der Gemeinde Prien betreten wir das Gemeindegebiet von Rimsting und gelangen zur 1928 erbauten Kriegergedächtniskapelle bei Pinswang. Im Inneren befindet sich ein neugotischer Altar mit einer Darstellung der Muttergottes von Altötting.
Pinswang - 927 erstmals urkundlich erwähnt - entstand aus einem Maierhof des Erzbischofs von Salzburg. Der Ortsname verweist auf eine mit Binsen bewachsene Wiese.

Weiter führt uns der Weg durch ein Waldstück nach Hörzing. Der Ort liegt in einer frostgefährdeten Bachmulde. Man erkennt, wie aus diesem Grund die Obstbäume förmlich den Hügel hinauf drängen.
Bei Hörzing trifft der von Rimsting ausgehende Wegabschnitt auf die Hauptroute.
Von Krinning nach Greimharting führt ein alter Kirchenweg an einem Moränenrücken entlang. Der trockene Standort und die luftige Lage kommen den Kirschbäumen entgegen. Rund 20 verschiedene Sorten wurden im Vergleich zueinander gepflanzt.

Das nach seinem Gründer Grimhart benannte Greimharting war Sitz eines niederen Adelsgeschlechts. Aus den Steinen der ehemaligen Burg wurde um 1370 die Kirche St. Petrus und Leonhard erbaut (Buckelquader am Turm). Der Leonhardi-Ritt im November ist nach wie vor ein besonderes Ereignis für das Dorf.
Nach einem Waldstück geht es steil nach Osterhofen hinauf. Hier eröffnet sich erstmals ein herrlicher Blick auf den Chiemsee. An Osterhofen wird die Bedeutung der bäuerlichen Obstgärten als Ortseingrünung besonders deutlich.

An der Trinkwasserreserve der Gemeinde Rimsting wurden seltene, empfindliche Obstarten gepflanzt, wie z. B. die germanische Mispel, die Maulbeere und der Speierling (Baum des Jahres 1993).
Am Ortseingang von Dirnsberg stehen große alte Birnbäume. Sie sind die klassischen Hofbäume. Manche Sorten eignen sich besonders zum Schnapsbrennen (Croazbirne), andere zum Mosten und zum Kletzen-Darren (Gänskragen).
Das beeindruckenste Gebäude Dirnsbergs ist der alte "Moarhof" mit unverputztem Mischmauerwerk und Backsteingliederung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Nordwestlich des Ortes nähern wir uns dem mit 690 Metern höchsten Punkt des Obst- und Kulturweges. Zur Eröffnung des Weges wurde hier ein Bildstock zu Ehren der Hl. Gertraud geweiht. Sie ist die Schutzpatronin der Gärtner. Möge sie die Arbeit der Obst- und Gartenbauvereine unterstützen.
Von hier aus hat man einen herrlichen Blick auf die etwa 10 km entfernte Alpenkette.

In Gattern kommen wir links an einem "Bauernsachi" vorbei. Obstgarten, Spalier und Gartl, ja selbst der Misthaufen ergänzen sich zu einem harmonischen Ganzen. Die alten Obstbäume bleiben erhalten und so manches ausgefaulte Astloch bietet eine Nistgelegenheit für Singvögel und andere Kleintiere.
Einige Meter links, abseits unseres Weges, steht die Kapelle zur "Unbefleckten Empfängnis", die 1781 von den Bauern aus Ratzing und Gattern errichtet wurde. Die Kapelle ist mit einer schönen Rokokostukkatur und einem Stuckaltar, an dem sich seitlich die Figuren des Hl. Rupert und Martin befinden, ausgestattet.

Nach Gattern öffnet sich erstmals der Blick zum 220 m tiefer liegenden Simssee.
Am Übergang eines Grabens unterhalb Hocheck steht das Naturdenkmal "Holzmann-Eibe". Der Baum ist wohl einige hundert Jahre alt, vielleicht hat er sogar schon die Ritter des nahegelegenden, kaum zugänglichen Speckerturmes (13. Jahrhundert) "gesehen". Eiben gibt es hier relativ häufig. Sie sollen von den Rittern zum Herstellen von Pfeil und Bogen genutzt worden sein.

Von dem Weiler Holzberg aus haben wir einen schönen Blick auf die kleine Andreaskirche von Thalkirchen mit ihrem barocken Zwiebelturm von 1676. Darüber erhebt sich der massive Sattelturm der ehemaligen Wallfahrtskirche "Maria auf dem Berg" von Hirnsberg, die vermutlich aus den Überresten der 1378 zerstörten Burg der Herren von Hirnsberg erbaut wurde. Hirnsberg erreicht man von Letten aus zu Fuß in rund 20 Minuten.
Von Letten (benannt nach der lehmigen Bodenbeschaffenheit) führt der Weg weiter in das Landschaftsschutzgebiet der Thalkirchner Ache. Entlang der Talsohle findet man wegen der Blütenfrostgefahr wenig Obstbäume. Zudem hat es vor der Bachregulierung häufig Überschwemmungen gegeben, was sich auf die sauerstoffliebenden Obstbaumwurzeln negativ auswirkt.
Ein hervorragendes Obstbaugebiet ist die etwas höhergelegene Ortschaft Ulperting. Der Ringerbauer hatte einen "Pelzgarten" (kleine Baumschule) und versorgte die Gegend mit Obstbäumen. Viele alte Sorten, wie "Coulon's Renette", "Damason-Renette", "Geflammter Kardinal" und "Gänskragen" wurden so verbreitet und erhalten. Der Kräuterlikör des "Ringer" ist immer noch ein streng gehütetes Brennerrezept.
Über Hitzing kommen wir nach Bach, wo sich unser Weg trennt. Linker Hand erreicht man die durch ihre Südlage klimatisch begünstigten Orte Wensing, Schering, Gänsbach und Greimharting. Der "Wensinger" hat eine Brennerei. Der dichte, alte Obstgarten weist darauf hin.

Rechter Hand beginnt die lange, etwas flacher verlaufende Südroute. Nach Überqueren der Kreisstraße erreichen wir Zacking. Im Obstgarten des "Kainzenhofes" steht eine 1636 errichtete Pestsäule.
Der heutige Waldweg nach Arbing war im Mittelalter ein Teil einer wichtigen Nord-Süd-Verbindung. Bei Arbing wurden einige Mostbirnsorten gepflanzt. Sie stammen aus dem österreichischen Mostviertel und sollen auf ihre Eignung im hiesigen Klima erprobt werden.
Vom Ende des 17. Jahrhunderts stammt die kleine Kapelle von Arbing mit ihrem Marienaltärchen, das danebenstehende Steinmarterl von 1702.
Der Rotmarmor-Gedenkstein von 1647 bei Siggenham erinnert an den tödlichen Unfall des Freiherrn Ferdinand von Schurrf. Er stürzte an dieser Stelle vom Pferd.
Vorbei an der Grabl-Mühle steigen wir in das Priental hinab. Ein kleines technisches Denkmal ist das Elektrizitätswerk der Gemeinde Prien, das 1906 nach Plänen von Oskar von Miller, dem Gründer des Deutschen Museums, errichtet wurde.

Zeichnungen von Getruda Gruber, Text von Josef Stein, Karl Aß


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