09.05.2019

von B° RB

Königsklasse IV

Gegenwartskunst in Schloss Herrenchiemsee

Ausstellungsansicht: Königsklasse IV

In dem nördlichen Rohbau des glanzvollen, 1878 – 1886 im Auftrag von König Ludwig II errichteten Schloss Herrenchiemsee findet erneut unter dem Titel „Königsklasse“ eine Präsentation mit Hauptwerken der Pinakothek der Moderne statt. 

Fakten
AUSSTELLUNGSDAUER

11. MAI BIS 03. OKTOBER 2019

Seit 2013 werden ausgewählte Positionen der Gegenwartskunst in kontinuierlich wechselnden Präsentationen an diesem besonderen Ort gezeigt: dem berühmten, „Bayerischen Versailles“, das versteckt auf einer bewaldeten Insel im Chiemsee liegt. Durch den frühen Tod des Königs wurde nur der Haupttrakt des Schlosses fertiggestellt. In den elf generös dimensionierten Räumen des unvollendeten Nordflügels, die über 135 Jahre weitgehend ungenutzt geblieben sind, werden auf zwei Stockwerken seit den 1960er-Jahren entstandene Hauptwerke der Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne, des Museums Brandhorst sowie aus ausgewählten Privatsammlungen in Künstlerräumen ausgestellt. Der Rundgang macht die Sammlungsarbeit der letzten Jahrzehnte erlebbar, zeigt zentrale Neuerwerbungen und stellt herausragende Einzelarbeiten vor, die für den weiteren Ausbau der Sammlung ein Desiderat darstellen.

Die „Königsklasse“ ist eine Kooperation der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen mit der Bayerischen Schlösserverwaltung.

KUNST AUF DER INSEL – EINE ALTERNATIVE ZUR MUSEUMSERFAHRUNG IN DER STADT

Die „Königsklasse“ auf der Herreninsel bietet eine Erweiterung sowie eine Alternative zur Kunsterfahrung im Museum in der Stadt. Die Werke gehen mit dem historischen Fragment wie auch mit der geschützten Natur auf der Insel eine bezwingende Allianz ein. Dort, wo Ludwig II. seine Hommage an den Palastbau des Barock nicht vollenden konnte, ist Raum für die Kunst der Gegenwart, und Tradition trifft auf der Herreninsel nun auf Moderne.

DIE HERRENINSEL – EIN ORT FÜR INTERNATIONALEN AUSTAUSCH

Mit der „Königsklasse“, in der auch das innovative Kunstvermittlungsprogramm „Königskunde“ angeboten wird, werden die zahlreichen nationalen und internationalen Besucherinnen und Besucher von Insel und Schloss zu individueller Kunstbetrachtung und einem Diskurs über Kunst und Sammeltätigkeit eingeladen. Junge „Königskundler“ kommen mit interessierten Besucherinnen und Besuchern ins Gespräch über die Kunst auf der Insel im Allgemeinen und die hochkarätigen Exponate im Besonderen. Der persönliche Austausch über dieses einmalige Zusammenspiel von Kunst und Natur auf der Herreninsel führt, wie die Erfahrungen der letzten Jahre gezeigt haben, kontinuierlich zu einem fruchtbaren Dialog. Die „Königsklasse“ nutzt das auf der Herreninsel gegebene, sonst nur in Metropolen verfügbare Potential für internationalen Gemeinsinn und Kommunikation.

KÖNIGSKLASSE IV – DIE KÜNSTLERRÄUME

„Königsklasse IV“ zeigt Hauptwerke von Wolfgang Laib, Arnulf Rainer, Etel Adnan, Günther Förg, Dan Flavin, On Kawara, Kazuo Shiraga, Hans-Jörg Georgi und John Chamberlain. Jedem Künstler ist ein Raum gewidmet. In der Summe ergibt sich eine Folge von Setzungen, in denen jeweils ein Kernthema der Arbeit dieser Künstler zur Sprache kommt. Es geht um die zentralen schöpferischen Fragen von Zeit und Raum, Endlichkeit und Kontinuität, Expression und Stillstand, Individuum und Gesellschaft, Gegenwart und Überzeitlichkeit, die einen Resonanzraum für die Herausforderungen unserer Gegenwart bilden.

BLUE CHIP UND „IRRSALDSCHUNGEL“ – BEDEUTENDE POSITIONEN DER GEGENWARTSKUNST UND OUTSIDER ART

Die Liste der großen Künstlernamen geht mit einer merkwürdigen Brüchigkeit einher. Anerkannte Werte und Outsider Art stehen im international bewunderten und viel besuchten Schloss des wegen angeblicher Geisteskrankheit des Amtes enthobenen „Märchenkönigs“ in einer Reihe und lassen sich doch keiner der beiden Gruppen zweifelsfrei zuordnen. „Fast alles, was wir sind, ist geordnet aus dem Irrsaldschungel. Alle eure Antiquitäten wurden einstmals ertastet aus der Finsternis“, schrieb Arnulf Rainer (* 1929) in seinem Text „Schön und Wahn“ (1967). Ein ganzer Saal ist Rainers seit den sechziger Jahren entstandenen Kreuzen gewidmet. War zur Entstehungszeit die religiöse Bedeutung des Kreuzes nicht bereits für die Kunst erloschen? Was bewegt den Künstler bis heute zur variierenden Fortführung dieser Werkgruppe?

Dank der hochkarätigen Leihgaben von Anne und Wolfgang Titze sowie der Written Art Collection sind Gemälde aus dem Früh- und Spätwerk von Kazuo Shiraga (1924- 2008) in einer konzentrierten Gegenüberstellung zu sehen. Der in Japan geborene, von Kriegserlebnissen wie auch von Erfahrungen im Zen-Kloster gleichermaßen geprägte Künstler, befestigte sich in den frühen 1950er-Jahren erstmals mit einem Seil an der Decke, um den ganzen Körper wie einen Pinsel zu benutzen. Die auf Papier oder Leinwand niedergeschlagenen Bewegungsspuren der Füße manifestieren das Eingebundensein des Menschen in Schwerkraft, Materie und die eigene Zeit: „I want to paint as though rushing around a battlefield, excerting myelf to collapse from exhaustion“, sagte der Künstler, der zugleich das Ziel verfolgte, der Erfahrung von Macht und Gewalt Schönheit gegenüberzustellen.

Sein japanischer Landsmann On Kawara hat über fünf Jahrzehnte hinweg die „Today Series“ (1966-2013) geschaffen, von denen insgesamt acht Leihgaben aus sechs Jahrzehnten zu sehen sind. Es sind Tagwerke auf Leinwand, die von dem endlosen ungeordneten Stoff des Lebens nur das faktische Datum ihres jeweiligen Entstehungstags festhalten. Das Objektive und das Subjektive treffen in diesen Datumsbildern aufeinander.

Auch bei der aus dem Libanon stammenden Künstlerin Etel Adnan, deren malerisch-poetische Gemälde ab Mai 2019 erstmals in der „Königsklasse“ zu sehen sind, handelt es sich genaugenommen um „Tagwerke“. Ihre kräftigen, landschaftlich anmutenden Kompositionen aus dichten Farbfeldern entstehen in einem Zug und ohne jegliche Korrekturen. Der Hintergrund hierzu ist ihr Verständnis von Malerei als „joie du vivre“: In Abgrenzung zu ihrer schriftstellerischen und journalistischen Auseinandersetzung mit politischen Unruhen und interkulturellen Konflikten begibt sie sich beim Malen in einen meditativen Fluss und lässt, inspiriert vom natürlichen Rhythmus der Welt, Kreativität einfach geschehen. Der Künstlerraum mit neun Arbeiten der libanesischen Künstlerin ist die erste konzentrierte, museale Präsentation von Etel Adnans Oeuvre im deutschen Raum. Der Dank gilt erneut der Written Art Collection, deren Leihgabe den Anstoß zur Verwirklichung eines ganzen Künstlerraums gegeben hat.

Tag für Tag geht auch Hans-Jörg Georgi (* 1949) seinem Schaffen nach, nämlich der Produktion von Flugzeugskulpturen. Bis 2001 hat der durch eine Kinderlähmung beeinträchtigte Künstler aus Papierresten seine durchdachten Beförderungsmaschinen gebaut, abends wurden sie von seinen Pflegern weggeworfen. Seither arbeitet er in dem von Christiane Cuticchio in Frankfurt begründeten „Atelier Goldstein“ der Lebenshilfe Frankfurt, wo der Exzentriker wie andere außerordentlich begabte Outsider-Künstler seine Werke herstellt. Betitelte er die letzte große Installation seiner Flugobjekte „Das blöde Böse“ – auch hier erinnerte die Vielzahl der Teile an einen umtriebigen Bienenschwarm im Kopf – , so nennt er die für die „Königsklasse“ entwickelte Einrichtung „Das Gute“ und empfiehlt, sich mit den komfortabel ausgestatteten Maschinen Richtung Weltall abzusetzen.

Eine Kraft großer Künstler liegt darin, kontinuierliche Transformation in den unbeweglichen Formen des Werks zu suggerieren. John Chamberlain (1927-2011) verwirklicht dies durch die Verformungen der Metallblätter, aus denen er seine Skulpturen herstellt. Er presst den hoch aufragenden Chromkörpern Psyche ein, so dass sie sich wie Individuen einander zuwenden, unterstützen oder voreinander zusammenzubrechen scheinen.

2016 haben die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen dank der großzügig von der Art Mentor Foundation Lucerne bereitgestellten Mittel die spektakuläre Erwerbung des raumgreifenden Werks „untitled (to you, Heiner, with admiration and affection)“ verwirklichen können, einer 1973 geschaffenen „Barriere“ aus grünem Licht von Dan Flavin (1933-1996). Auf der Herreninsel wird die dort 16 Meter lange Installation nun erneut gezeigt. Kaum einen alltäglicheren Werkstoff hätte Flavin für seine Kunst finden können, als die seit der Mitte des 20. Jahrhunderts in der westlichen Welt allgegenwärtigen fluoreszierenden Leuchtstoffröhren mit ihren nackten Halterungen. Der streng geometrische Aufbau des Werks, der sich bildlicher Erzählung widersetzt, kann in einer profanen Zeit als radikal sachliche Antwort auf viel ältere Kunstwerke, etwa Chorschranken im sakralen Raum, gelesen werden, entwickelt aber auch unabhängig von solchen Vergleichen eine verstörende Transzendenz.

Solche Erfahrungen will Günther Förg für sein Schaffen ausschließen, das in einem weiteren Raum mit Gemälden aus der Sammlung von Michael & Eleonore Stoffel gezeigt wird. So offenkundig er sich auf amerikanische Minimalisten ausgehend von Barnett Newman bezieht, so setzt er sich doch dem weihevollen Aspekt dieser Kunst entgegen und behauptet eine leichtfüßigere Haltung: „Es geht“, so Förg, „um das, was man sieht und nicht mehr“.

Der Rundgang der „Königsklasse“ beginnt mit einem zweiteiligen Werk, das hier am Schluss genannt wird: „Ohne Anfang und ohne Ende“ von Wolfgang Laib, das im Rahmen der „Königsklasse“ von PIN. Freunde der Pinakothek und von den International Patrons of the Pinakothek für die ständige Sammlung erworben werden konnte. Es sind jeweils aus Bienenwachs geformte, über vier Meter hohe und breite stufenförmige Bodenskulpturen. Sie mögen – nicht zuletzt, weil Laib diese Skulpturen als Zikkurats bezeichnet – Erinnerungen an himmelstürmerische Vorhaben des Menschen wachrufen, etwa den Fragment gebliebenen Turmbau zu Babel. Doch zeigen die beiden Werke hier jeweils ein Auf und Ab von entspannter Proportion und Vollendung, wodurch die Schönheit des Möglichen erfahrbar wird.

VON DER KÖNIGSKLASSE ZUM KÖNIGSWEG

EIN FILM ZUR ACHSE ZWISCHEN DEN PINAKOTHEKEN & HERRENCHIEMSEE

In diesem zweiten Sommer der Königsklasse IV wird im letzten Raum des Rundgangs ein Film präsentiert, eine Eigenproduktion der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, der die enge Verbindung zwischen der unkonventionellen „Königsklasse“ und dem dichten Kunst- und Kulturnetzwerk in Bayern zeigt. Es ist ein durch die Wege jedes einzelnen Besuchers erschlossenes Netzwerk, das sich von den Schlössern der Wittelsbacher bis hin zum Kunstareal in München erstreckt. Der Blick geht hinter die Kulissen, bis hin zu persönlichen Gesprächen zwischen den Wegbereitern und Künstlern der Königsklasse. Dabei wird deutlich, dass Kultur nicht einfach entsteht, sondern aktiv mitgestaltet wird – und das von allen, die sich auf den Weg zur Kunst machen.

Kuratorin der Königsklasse: Corinna Thierolf

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